Digitalisierung - ein Gamechanger?

Ich hab den Tipp bekommen, mal was zum Thema Digitalisierung in mein/unser Programm aufzunehmen. Auf den ersten Blick eine super-Idee, zumal das ja gewissermaßen mein Spezialgebiet ist.
Auf den ersten Blick.
Auf den zweiten Blick ist das aber nicht so. Jedenfalls nicht so einfach.
Wenn ich gewählt werde, müsste ich mich als Techie nicht selbst in die Kommunalgaststätte stellen, um auszuschenken. Das würde dann ein Bedienroboter übernehmen, der dank KI besser als ich beurteilen kann, welcher Gast schon ein Schnäpschen zu viel hatte. Andererseits wäre dieser Einsatz von Technologie kein zielführendes Mittel, um Bürgernähe zu demonstrieren. Aber waren wir nicht bei der Digitalisierung echter kommunaler Aufgaben?
Wo Digitalisierung an physische Grenzen stößt
Viele kommunale Tätigkeiten lassen sich schlicht nicht digitalisieren: Winterdienst, Bauhof, Feuerwehr – das bleibt Handarbeit. Kein Algorithmus schaufelt Schnee, kein Chatbot legt Schläuche. Digitalisierung ist also eine Ergänzung, kein Ersatz.
Wo Digitalisierung an rechtliche Grenzen stößt
Viele Verwaltungsprozesse basieren auf Regeln aus einer Zeit, in der Papier das sicherste Medium war. Unterschrift, Stempel, persönliches Erscheinen – das ist bis heute der Goldstandard. Digitale Signaturen wären sicherer und effizienter, aber Kommunen können diese Regeln nicht einfach ändern.
Manchmal ist also nicht die Technik das Problem, sondern das Regelwerk.
Wo Digitalisierung an kulturelle Grenzen stößt
Ein gutes Beispiel sind Sitzungsprotokolle. Technisch ist es heute kein Problem, eine Gemeinderatssitzung automatisch zu transkribieren. Die KI erkennt Sprecher, erstellt ein fehlerfreies Transkript und fasst die wichtigsten Punkte in Sekunden zusammen.
Natürlich würde dieses Protokoll noch mal von einem Menschen kontrolliert und freigegeben werden um rechtlich sauber zu sein. Doch trotz dieses Aufwandes ist es schon eine echte Erleichterung wenn die meiste Arbeit schon mal gemacht ist.
Aber ein Protokoll ist nicht nur ein Dokument. Es ist auch ein Stück politischer Kultur. Nicht jeder Ausraster, nicht jeder emotionale Ausbruch muss auch wirklich in ein Protokoll. Und was macht man mit Worten, die man sich im Eifer des Gefechts und in Rage um die Ohren haut, sich dann aber nicht schnell in stickiger Luft auflösen, sondern auf einmal in Echtzeit real gespeichert sind? Ein menschlicher Protokollant, kann dann mal den Stift fallen lassen und etwas überhören. Eine Protokollantin kann innerlich leicht genervt eine lautstarke Schwadroniererei etwas abdämpfen und dafür einer leisten Stimme mehr Gewicht geben, ohne dass dies fehlerhaft wäre. Sie könnte für etwas mehr Fairness sorgen.
Ein Protokoll kann auf diese Art auch mal etwas weniger korrekt sein, dafür aber richtig.
Eine KI kennt diese Nuancen nicht. Sie schreibt alles nieder – knallhart und ungeschönt. Das kann disziplinierend wirken, aber auch einschüchternd. Und gerade die stillen Stimmen sind oft die wertvollsten. Oder?
Wo Digitalisierung wirklich hilft
Trotz aller Grenzen gibt es viele Bereiche, in denen Digitalisierung echten Nutzen bringt:
Online-Terminvergabe
Digitale Anträge, wo rechtlich möglich
Automatisierte Vorgangsbearbeitung
Digitale Ratsarbeit
Interne Wissensdatenbanken
Mängelmelder für Bürgerinnen und Bürger
Das sind keine spektakulären Projekte – aber sie erleichtern den Alltag spürbar. Vielleicht gibt es einige dieser Dinge schon, und sie sind mir nur noch nicht aufgefallen. Das würde mich freuen!
Was gute Digitalisierung braucht ist Zuhören und Verstehen
Die Welt und die Technologiegeschichte ist voll von technisch brillianten Lösungen, die im echten Leben ein genauso echter Flop waren. Ehrlich gesagt ist mir das in meiner beruflichen Laufbahn auch schon passiert: Du hast einen genialen Hammer und beginnst in jedem Problem einen Nagel zu sehen, was nicht lange gutgeht.
Die goldene Regel in meinem Berufsstand ist: Erst Zuhören und den Mund nur für Fragen aufmachen, dann verstehen und prüfen ob man verstanden hat, nachdenken und ganz zuletzt (und erst dann!) redest Du.
Ist das nicht auch für einen Bürgermeister Goldstandard?
