Kandidat der Mitte?

Letzte Woche wurde ich von einem Reporter gefragt, ob ich mich als Kandidat der bürgerlichen Mitte sähe. Gute Frage. Da außer den Freien Demokraten und der SPD keine Gruppierung oder Partei einen Kandidaten für das Bürgermeisteramt aufgestellt hat, läuft dieses Label wohl auf mich zu - es sei denn die SPD möchte sich auch für diesen nicht geschützten politischen Gattungebegriff bemühen. 

Bürgerliche Mitte steht auch für satte Mehrheiten - zumal unsere Kommune ausweislich des Wahlergebnisses der letzten Bundestagswahl nicht gerade eine Bastion des real verbliebenen Sozialismus ist. Und da ich für die FDP antete, bin ich auch nicht ganz so der typische Nazi. Müsste eigentlich alles passen - oder?

Zunächst aber kann ich mit dem Begriff nicht so viel anfangen, eigentlich noch weniger als die Wähler. Bedeutet "bürgerliche Mitte", dass jetzt der scheppernde Gullideckel zeitger instandgesetzt wird als bei "links von der Mitte"? Sind die Linken gar für das Klappern und die Rechten für das Entklappern von Gullideckeln verantwortlich? Eben! -Wenn man sich auf Basis der eigenen Werte wie konservativ, bürgerlich, familienfreundlich, bodenständig und was auch immer eine Orientierung verschafft, macht nichts grundlegend falsch wenn man mich wählt. Doch so richtig relevant ist das auch nicht, denn was bedeuten diese Werte, wenn der Gullydeckel doch noch weiterscheppert oder man sich über ein Knöllchen ärgert. Bei letzterer Angelegenheit erlaube ich mir, daran zu erinnern, dass - bis auf eine Stimme aus meinem Lager - die gesamte bürgerliche Mitte mit dem Lager links der Mitte fast einstimmig für die Einführung flächendeckender Parkverbote in unserer Gemeinde war. 

Dennoch ist die eingangs gestellte Frage berechtigt, ob ich mich in der bürgerlichen Mitte sehe - vielleicht nicht so als Label oder Etikett, aber schon als Aufforderung offenzulegen, wie ich politisch so ticke. 

Da ich für die Freien Demokraten antrete, finde ich deren Grundgedanken gut, die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen und staatlichen Vorschriften erst mal skeptisch gegenüberzustehen. Dafür fremdele ich mit der bei der FDP durchaus  verbreiteten Auffassung, man müsse so etwas wie Wirtschaft einfach mal laufen lassen, damit am Ende etwas gutes herauskomme und wenn nicht: Nun, dann seien nun mal die weniger Tüchtigen Schuld an ihrem Unglück. Denn dass ist nicht so. Auf kommunale Zusammenhänge übertragen würde ich Satzungen, Vorschriften und den ganzen Papierkram in der Tendenz eher streichen, wenn er für die Menschen keinen echten Mehrwert bringt. Ich würde auch die Bürger so viele Dinge wie möglich selbst regeln lassen. Das hört sich gut an, bedeutet aber auch, dass sie mehr selbst machen müssen. Aber so ist das nun mal mit der Freiheit, die im Namen Freiedemokraten steckt. 

Mein demokratischer Instinkt sagt mir auch, dass etwas nicht stimmt, wenn sechs sehr unterschiedliche Gruppen im Gemeinderat es in 6 Jahren nicht fertiggebracht haben, sich mal nicht einig zu sein und mit entweder 16:0 mit Ja oder wenigstens 15:1 mit Ja zu stimmen. Denn entweder waren die sich tatsächlich immer einig, und man müsste sich fragen, warum sie denn überhaupt noch auf unterschiedlichen Listen antreten und nicht auf einer einzigen. Oder sie haben diese leicht nordkoreanisch wirkende Harmonie gutgemeint aufgesetzt und alle Differenzen außerhalb des öffentlichen Raumes ausgeräumt. Für unsere demokratische Kultur ist das sehr schädlich. Denn wie will man auf Dauer die Existenz unterschiedlicher Parteien begründen, wenn diese sich nicht mehr erkennbar unterscheiden, außer noch in Farbe und Logo? Da wundert es nicht, wenn viele Menschen eine Partei wählen die das Wort Alternative in ihrem Namen trägt. 

Eine Alternative bieten wir und ich auch. Eine die in der Mitte steht und mit Sicherheit mal gut durchlüften möchte.