Zu alt für den Job?

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Mal ganz authentisch gesagt

Ich hab mir gleich am Anfang, noch vor meiner Kandidatur vorgenommen Klartext zu sprechen. Sachlich, freundlich, aber klar. Dazu gehört, dass man nicht ständig darüber nachdenkt, wie authentisch man noch sein darf, damit man noch - oder geradeso noch - gewählt wird. 

Und damit habe ich mich gegen ein gefälliges, geschmeidiges Programm entschieden, das alle gut finden und das keinem wehtut. Natürlich bin ich bürgernah und innovativ! Was den sonst? Etwa bürgerfern und altmodisch? Ich verspreche auch keine neuen Gewerbegebiete, neue Feuerwehrhäuser, soziales Wohnen im Dorfkern, keine großen Umgestaltungen und keine repräsentativen Bauten. Dass eine Kommune mit Augenmaß investiert, ist nämlich ganz normales Business. Sie sollte es vor allem schaffen, ihre bestehende Infrastruktur instand zu halten. Neuer, höher, weiter und schöner ist eben nicht alles. 

Da ich kein Berufspolitiker bin und von diesem Beruf nicht leben muss, kann ich es mir leisten, auf diese selbstgefällige Prahlerei zu verzichten. 

Aber wir waren beim Thema authentisch und Alter: Ja, ich bin alt! 63 Jahre alt, und die 63 Jahre sieht man mir auch an. 

Auf den ersten Blick ist das ein klarer Nachteil. Wollen wir nicht alle junge und knackige Kandidaten oder doch wenigstens junge? Mit 63 Jahren sammelt man einiges an Gepäck an. Die Boomer werden wissen was ich meine: Man hat Eltern, Schwiegereltern um die man sich kümmern muss. Dazu kommen Partner, Kinder und auch Enkel, die alle Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen. Das gehört mit 63 Jahren dazu und macht ein Leben schwerer - aber auch reicher. Man ist also nicht auf allen Dorffesten der erste der kommt und der letzte der geht. Man kann nicht jeden Abend in der Kommunalgaststätte am Zapfhahn stehen und eine Party nach der andern schmeißen, um alle bei guter Stimmung zu halten. Auf den ersten Blick also ein klarer Nachteil. Oder?

Doch auf den zweiten Blick bewerbe ich mich ja nicht um das Amt des Ersten Gastwirtes oder des Ersten Partylöwen unserer Kommune, sondern als Bürgermeister. Und was dieses Amt und seine Herausforderungen angeht, sind 63 Jahre nicht nur ein Alterungs- sondern ein Reifungsprozess, ein echter Schatz. Denn ich bin mit 63 Jahren klarer im Kopf, als ich es mit 33 oder 43 war. 

Das beginnt damit, dass sich die Themen Nachhaltigkeit und Zukunft in Gestalt meiner Enkelkinder an mich kuscheln, wenn ich ihnen etwas vorlese. Es ist die Generation, die später dafür aufkommen muss, wenn wir heute Fehler machen. Sie muss unsere Bauten sanieren und und dafür teuer bezahlen, wenn unsere Träume in Beton und Edelstahl sich als doch nicht so nachhaltig erweisen; wenn der Beton bröselt und der Edelstahl doch nicht so edel war. Dieser Generation wird das Geld fehlen, das wir heute großzügig für unsere Bedürfnisse ausgeben, anstatt über unsere Bedürfnisse mal neu nachzudenken. 

Ich nehme das Thema Zukunft daher sehr persönlich!

Zum Thema "reicher gemacht" gehört auch die Erfahrung und Gelassenheit, ohne die man keine 63 Jahre unfallfrei schafft. 

So bin ich wie die allermeisten von uns nicht als Führungskraft geboren worden. Ich musste mir das erst erarbeiten. Erst als Zeitsoldat und Unteroffizier, später als Offizier habe ich gelernt, dass führen dürfen und führen können, zwei ganz unterschiedliche Seiten einer Medaille sind. Später im Beruf war ich als Führungskraft für Mitarbeiter verantwortlich und bekam dafür noch eine sehr gute und gründliche Ausbildung, die auch regelmäßig aufgefrischt wurde. Und dennoch habe ich die meisten Fehler schon gemacht, die man als Führungskraft machen kann. Aber auch hier kommt ein Privileg des Alters zum tragen. Man macht - meist - die gleichen Fehler nicht ständig wieder.

Ich fange also nicht ganz von vorne an.